Schulgeschichte

Das "LiHi", wie es von seinen Schülerinnen und Schülern und in der Bad Kreuznacher Bevölkerung liebevoll genannt wird, heißt eigentlich "Lina-Hilger-Gymnasium" und trägt den Namen einer großartigen Frau, die als erste Leiterin und Pädagogin an dieser Schule gewirkt und dabei Bedeutendes geleistet hat.
Lina Hilger (geboren am 8. März 1874 in Kaiserslautern, gestorben am 13. April 1942 in Frankfurt am Main) wurde im Jahre 1903 als 23jährige zur Direktorin des eben gegründeten Städtischen Lyzeums in Bad Kreuznach berufen, das sie bis zum Sommer 1933 leitete. Während dieser 30 Jahre entwickelte sie sich zu einer der bahnbrechenden Begründerrinnen spezifischer Frauenbildung in Deutschland.
Seit 1926 ging sie daran, eine Frauenoberschule aufzubauen, deren frauenspezifischer Bildungsgang zu abgestuften Weiterbildungsberechtigungen und in der vierjährigen Form, d.h. nach zehn Jahren höherer Mädchenschule, auch zur vollen Hochschulreife führen sollte.
Ziel ihrer geschlechtsspezifischen Pädagogik waren "wahrhaft gebildete, geistig selbstständige, warmherzige, sich selbst vergessende und hingabefähige, mütterliche Frauen von denen Freude und Kraft ausströmt, wohin auch das Leben sie stellen mag".Das Mittel zur Erreichung dieses Zieles sah sie in einer konsequenten Verbindung von wissenschaftlicher und praktischer Arbeit sowie in der Betonung der musisch- künstlerischen Bildung.
Seit der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten im Januar 1933 sah sich Frau Hilger zunehmend den Anfeindungen brauner Parteigänger ausgesetzt. Nachdem sie im Hinblick auf die Judenboykotte vom 01. April 1933 gesagt hatte, sie schäme sich eine Deutsche zu sein, wurde sie mit Wirkung vom 29. April von ihrem Amt als Schulleiterin beurlaubt, war aber weiterhin als Lehrkraft am Kreuznacher Lyzeum tätig. Als sie dann am 19. Mai die schulbehördlich angeordnete Bücherverbrennung im Schulhof miterleben musste, schrieb sie noch am selben Tag an die Koblenzer Schulbehörde: "Das heute früh im Schulhof durch die Hitlerjugend erfolgte Verbrennen von Büchern der Schulbücherei ... zeigt mir, dass ... eine "Gleichschaltung" meiner ... Erziehungsmethoden mit den Erziehungsmethoden der "nationalen Revolution" ... ausgeschlossen ist. Ich stelle daher den Antrag auf meine Pensionierung." Zum 1. Juli 1933 wurde dem Antrag stattgegeben.
Frau Hilger war sicher keine Widerstandskämpferin im vollen Wortsinn, aber sie zeigte Standfestigkeit und sagte Nein zu einer unmenschlichen Ideologie und zu einem unmenschlichem Regime. Aber diese Handlungsweise war schwer erkauft. Auch wenn sie äußerlich erhobenen Hauptes ihr Amt verließ, war sie im tiefsten Inneren doch unheilbar verwundet. Neun Jahre später, am 13. April 1942, starb sie an Krebs. Am 13. August 1942 wurde die Asche der Verstorbenen auf dem Endenicher Friedhof in Bonn beigesetzt. Auf dem Kreuznacher Friedhof erinnert eine Gedenktafel an sie. Frau Hilger war zutiefst durchdrungen von der Verantwortung für alles Wertvolle des menschlichen Daseins, und diese Verantwortung legt sie uns als ihr Vermächtnis auf.
Das schöne Jugendstil- Schulgebäude von 1912 fiel den Bomben des Zweiten Weltkrieges zum Opfer, doch konnte der Unterricht in der "Elisabeth- Charlotte- Schule", wie sie seit 1937 hieß, bald nach Kriegsende wieder aufgenommen werden. Seit 1951 entstand in mehreren Bauabschnitten das heutige Schulhaus und im Jahre 1959 erhielt das seither zu einer modernen co- edukativen Bildungseinrichtung gewordene "Lina- Hilger- Gymnasium" den Namen seiner Gründungsdirektorin.

Dr. Horst Silbermann