Lina Hilger

Lina Hilger wurde am 8.März 1874 in Kaiserslautern als drittes Kind katholischer Eltern geboren. Durch das Führungsamt des Vaters in einem Rentenamt war die Familie materiell abgesichert und damit dem gehobenen Bürgertum zuzuordnen. Die Eltern hatten das Ziel, ihren Kindern eine umfassende und qualifizierte Ausbildung zu ermöglichen und das hat die Mutter auch nach dem Tod des Vaters weitergeführt. Lina Hilger besuchte die private Mädchenschule, zog mit ihrer Mutter nach Bad Kreuznach, wo sie ihre Reifeprüfung ablegte und besuchte dann in Koblenz ein Lehrerinnenseminar.
1893 bestand sie die Lehrerinnenprüfung für höhere und mittlere Mädchenschulen und ging dann zu Bildungs- und Studienzwecken für ein Jahr nach Frankreich und England. Nach ihrer Rückkehr ab 1899 besuchte sie pädagogische Kurse in Bonn von Helen Lange, die eine Ausbildung zur Oberlehrerin ermöglichten. Lina Hilger schrieb sich zu diesem Zweck als Gasthörerin an der Bonner Universität ein. Dort gründete sie die sogenannten "Hilaritas", eine Gruppe von Frauen, die sich eine Gemeinschaft zum Lernen und zur "weiblichen Geselligkeit" schaffen wollten. Obwohl Lina Hilger sich als emanzipiert bezeichnete, verstand sie sich nicht als Widerständler gegen die Unterdrückung der Frau.
1901 machte sie Oberlehrerinnenexamen und wurde an einer Bonner Mädchenschule Lehrerin. 1903 dann übernahm sie die Leitung einer städtischen Mädchenschule in Bad Kreuznach, was für damalige Verhältnisse außergewöhnlich war, da Frauen damals in Schulen oder ähnlichen Einrichtungen nur selten Führungspositionen inne hatten. Sie ging mit viel Engagement an die Sache heran und konzentrierte sich auf den Ausbau der Schule in jeder Hinsicht sowie auf eine Verbesserung des lokalen Bildungsangebotes. So erweiterte die Schule sich um einen hinzugefügten Kindergarten sowie eine elfte Klasse und verschiedene Ausbildungslehrgänge für Erzieher und Pädagogen. Dadurch bekam die Schule 1909 die Anerkennung zur höheren Schule und 1912 wurde sie zum Oberlyzeum.
Lina Hilger beschäftigte sich viel mit dem Einfluss der Frau im Berufsleben und arbeitete für ein Recht und eine Möglichkeit der Frau zur Berufsausbildung und ließ sich dabei stets vom Frauenbild der bürgerlichen Frauenbewegung beeinflussen. Dabei war es für sie wichtig, dass junge Mädchen eine andere Ausbildung als Jungs erhalten, nämlich dass die Ausbildung eines Mädchen mehr von praktischer als von theoretischer Natur sein sollte und neben dem eigentlichen Wissen nicht die mütterliche Rolle vernachlässigt werden sollte. Viel mehr sollte die junge Frau lernen, durch die Familie zu wirken und sich unterzuordnen und ihre Persönlichkeit zum Zwecke der Erhaltung von Familie und Leben zurückzustellen. Dies zeigt wieder, dass für Lina Hilger Emanzipation eine untergeordnete Rolle der Frau nicht gleichzeitig ausschloss, ganz im Gegensatz zu heute. Was man für damalige Verhältnisse Frauenbewegung nannte, wäre für die Emanzen von heute wohl Verletzung der Menschenrechte.
Außer dieser Arbeit an ihrer Schule war sie auch in verschiedenen Kreuznacher Frauenvereinen tätig, in denen sie eng mit Elsbeth Krukenberg zusammenarbeitete , die sie in Bonn kennen gelernt hatte und mit der sie eine enge Frauenfreundschaft und Lebensgemeinschaft verband.
Innerhalb des ersten Weltkrieges engagierte Lina Hilger sich in der Hilfsarbeit zur Unterstützung deutscher Soldaten und schloss alle Frauenvereine der Stadt unter dem "nationalen Frauendienst" zusammen. Obwohl sie die Niederlage und anschließende Besatzungszeit als unangenehm empfand, ging sie durch die verfassungsmäßig garantierte Gleichberechtigung der Frau, die entstanden war, mit Optimismus in die Weimarer Republik. In den folgenden Jahren konnte sie ihre Arbeit verbreiten und wurde 1920 sogar als beratendes Mitglied auf die Reichsschulkonferenz eingeladen. So wurde sie auch überregional bekannt und galt als "eine der feinsten und schöpferischsten Pädagoginnen ihrer Generation".
Trotzdem lehnte sie einen Weg in die Politik ab, da sie mehr Wirkung darin sah, direkt am Geschehen tätig zu sein. So bemühte sie sich beispielsweise um die Errichtung einer handwerklich orientierten Frauenoberschule, die Modellcharakter für das Mädchenschulwesen in der Weimarer Republik haben sollte. Obwohl sie sich keinem bestimmten Milieu zuordnete, hatte sie eine ausgeprägte christlich-soziale Neigung.
Zum Ende der Weimarer Republik und einer sich verändernden politischen Haltung im Land stieß ihre Arbeit immer öfter auf Widerstand.1933 dann wollte die NSDAP Lina Hilger in den frühzeitigen Ruhestand setzen, da sie antinationalsozialistisch gesonnen sei und ihre Offenheit gegenüber anderen politischen Positionen sowie Behandlung sozialistischer und pazifistischer Texte in ihrem Unterricht von den Nazis nicht toleriert wurde. Da sie aus christlich-humanitären Gründen auch den Boykott gegen jüdische Geschäfte verachtete und weil man im Dritten Reich auch bestrebt war, Frauen aus Führungspositionen des Bildungswesen und des öffentlichen Dienstes zu vertreiben, setzten die Nazis alles daran, Lina Hilger zu vertreiben. Sie bezeichneten die Schule als "Tummelfeld aller marxistisch-neupreußisch-pädagogischen Experimente".
Lina Hilger versuchte dies in Briefen abzustreiten, als dann aber im Mai 1933 an der Schule eine Bücherverbrennung durchgeführt worden war, wurde ihr die Unvereinbarkeit ihrer pädagogischen Überzeugungen mit denen der Nationalsozialisten so klar, dass sie eine Gleichschaltung ihrer in über 30 Jahren ausgearbeiteten und gewohnten Erziehungsmethoden mit denen der nationalsozialistischen Bewegung als ausgeschlossen betrachtete und so stellte sie schließlich selbst den Antrag auf Pensionierung. Von nun an bemühte sie sich in der humanitären Hilfe und betreute ehemalige KZ-Insassen sowie politisch Verfolgte und andere Hilfsbedürftige. Danach, 1935, zog sie sich mit ihrer guten Freundin E. Krukenberg auf ein Landhaus zurück und widmete sich den Dingen, für die sie vorher aus beruflichen Gründen nur selten Zeit gefunden hatte, wie zum Beispiel Bildungsreisen und dem Schreiben. Ihre zwischenmenschliche Erfüllung fand sie in der langjährigen Freundschaft mit E. Krukenberg.
Lina Hilger starb 1942 nach langer Krankheit.

Quelle: Die Zusammenfassung wurde für Ausgabe 5 der Schülerzeitung Outbreak erstellt; deren Quellen: Google-Suche, Lina Hilger Biographie von Thomas Roth