Schülerin auf Sizilien

Viel Stoff und drei Monate frei

29.07.2013 · Freistunden oder Stundenausfall gibt es auf dem sizilianischen Gymnasium nicht. Hier herrscht kein Lehrermangel. Claudia berichtet über ihre Schule in Catania.

"Buon giorno!" "Buon giorno, professore!" So leiten die Schüler der Klasse III a des "Liceo Scientifico Vito Romano" die erste Unterrichtsstunde am Donnerstagmorgen ein. Unter ihnen ist Claudia Iurato. Das Mädchen wohnt in dem kleinen Dorf Mirabella Imbaccari im Südosten Siziliens in der Provinz Catania. Die etwa 5500 Einwohner leben inmitten hügeliger Berglandschaft und zu einem Großteil von der Landwirtschaft. Claudia besucht im 15 Kilometer entfernten Piazza Armerina ein wissenschaftlich orientiertes Gymnasium. Nach Abschluss der staatlichen Mittelschule musste sie sich entscheiden zwischen dem klassischen Gymnasium mit Schwerpunkt Literatur und Philosophie, dem sprachlichen Gymnasium und dem wissenschaftlichen, das auf Mathematik und Naturwissenschaften spezialisiert ist.

Der Schulleiter steht vor dem Tor

"Ich habe das Liceo Scientifico gewählt, weil mir diese Fächer schon immer gelegen haben, vor allem Chemie", erklärt Claudia. Hier war sie das erste und zweite Jahr, das in Deutschland der 9. und 10. Klasse entspricht, in einer Art Orientierungsstufe, zurzeit ist sie im dritten Jahr und damit in der Oberstufe. Eine Leistungskurswahl gibt es in diesem Sinne nicht, die eigenen Präferenzen haben die Schüler mit der Wahl ihrer weiterführenden Schule abgedeckt. Claudias Schultag beginnt mit der Fahrt nach Piazza Armerina, die eine halbe Stunde dauert, um acht Uhr fängt der Unterricht an. Il preside, der Schulleiter, so berichtet sie, stehe manchmal persönlich vor dem Tor des Schulgeländes und überprüfe, ob sich die zahlreichen Mofafahrer an die Helmpflicht halten. Wer unpünktlich ist, verpasse als Strafe nicht selten die erste Stunde, weil er vor verschlossenen Türen steht.

Der Unterricht beginnt, Claudia hat Physik. Jede Schulstunde dauert 50 Minuten, 50 Minuten Frontalunterricht, wie sie erzählt. Vorn an der Tafel steht die Lehrerin, eine junge Frau, die zwar streng, aber trotzdem nett ist. Sie unterrichtet die Schüler im Klassenraum. "Es gibt gut ausgestattete Fachräume für die naturwissenschaftlichen Fächer, aber sie werden themenabhängig und deswegen nicht so oft genutzt." So finden die Schulstunden fast immer im gleichen Raum statt, ein ständiges Wechseln der Räume und der Mitschüler gibt es aufgrund des fehlenden Kurssystems nicht.

Sie möchte nach Washington

In der zweiten Stunde hat Claudia Englisch bei ihrer Klassenlehrerin. Obwohl der Schwerpunkt nicht auf den Sprachen liegt, ist eine Fremdsprache neben dem obligatorischen Latein verpflichtend. Eine Stunde in der Woche unterrichtet ein Muttersprachler, der den Schülern die praktische Anwendung des Englischen im Alltag und die korrekte Aussprache auch unter Einsatz von Songtexten beibringt. Grammatik und formelles Schreiben vermittelt die Klassenlehrerin. Jedes Jahr wird ein Austausch in die Vereinigten Staaten angeboten. "Nächstes Jahr plane ich, an einem Austausch nach Washington teilzunehmen, um meine Sprachkenntnisse zu erweitern", sagt die 17-Jährige.

Danach wird die Klasse in Italienisch unterrichtet, zurzeit behandeln sie Gedichte Francesco Petrarcas aus dem 14. Jahrhundert. Die Lehrerin, eine ruhige und geduldige Dame mittleren Alters, fordert wie so oft auch in dieser Stunde das Verfassen einer Interpretation, was nicht immer auf Begeisterung stößt. Es ist 10.25 Uhr, in fünf Minuten beginnt die 15-minütige Pause. Freistunden oder Stundenausfall gibt es nicht. Ist ein Lehrer krank, wird er direkt vertreten, von einem Lehrermangel weiß Claudia nichts.

Er fragt ein ganzes Kapitel ab

Sofort nach dem Pausenklingeln strömen die rund 400 Schüler auf den Campus. Eine Cafeteria oder Mensa gibt es nicht. Claudia kauft sich Essen in einem Kiosk auf dem Gelände und bei Verkäufern kleiner Mahlzeiten von außerhalb, die hier ein gutes Geschäft machen. Dann entspannt sie sich kurz mit ihren Freunden bei Temperaturen, die das ganze Jahr deutlich über denen in Deutschland liegen. Auf dem Campus befinden sich außerdem mehrere kleine Bibliotheken und ein eigenes Planetarium, ein kleines, kuppelartiges Gebäude, in dem man die Sterne beobachten kann.

Nach der Pause folgen jeweils eine Stunde Geschichte und Philosophie, beide Fächer unterrichtet ein junger Lehrer. "Sai dire di cosa abbiamo parlato nelle ultime lezioni?" Auch heute wählt er wieder einen Schüler aus, den er mündlich über ein ganzes Geschichtskapitel abfragt. "Manchmal sind das bis zu 50 Seiten, die man wiedergeben muss", behauptet Claudia. Sozialkunde oder Erdkunde werden nicht unterrichtet.

In der letzten Stunde hat Claudia Religion, an ihrer Schule ein freiwilliges Fach. "Ich finde aber den Unterricht ganz interessant. Wir debattieren über Themen wie die Bedeutung von Freiheit oder die Rolle der Kirche im Leben eines Jugendlichen." Um 13.15 Uhr ist der Schultag beendet. Nachmittagsunterricht? Fehlanzeige. "Dafür haben wir jeden Samstag Schule." Außerdem werden nachmittags verschiedene Arbeitsgemeinschaften zum Beispiel für Mathe und Physik, aber auch für technisches Zeichnen, Theater, Fußball und sogar Archäologie angeboten.

Abends trifft sie sich an der Rotonda

Auf die Frage, ob es für die Schüler auch die Möglichkeit gebe, Deutsch zu lernen, schüttelt Claudia den Kopf. "Es gab einmal einen einstündigen Deutschkurs, den aber nur wenige besucht haben. Vor zwei Jahren habe ich daran teilgenommen, bald danach aber wieder aufgehört, weil ich mich auf die Pflichtfächer konzentrieren musste. So ging es auch anderen, deswegen wurde der Kurs irgendwann aufgelöst. Wenn man wirklich intensiv Deutsch lernen möchte, ist man im sprachlichen Gymnasium sicherlich besser aufgehoben."

Um 13.30 Uhr verabschiedet sich die Schülerin von ihren Freunden und nimmt den Bus nach Hause. Nach dem Essen entspannt sie bei ihrer Lieblingsserie. Ab 15 Uhr macht sie Hausaufgaben und lernt, manchmal bis spätabends.

Die Gymnasiasten erhalten viele Arbeitsaufträge für zu Hause, das Lernpensum ist hoch. Trotzdem finden sich Abende, an denen sie sich mit ihren Freunden an der Rotonda trifft, einem Ortsteil, in dem fast ausschließlich Jugendliche ihre Zeit verbringen. "Aber leider nicht sehr oft", klagt sie. Richtig entspannen kann Claudia erst ab Anfang Juni, wenn die dreimonatigen Sommerferien beginnen.

Viele ziehen in den Norden

"Nach dem Abitur ziehe ich vielleicht für mein Studium nach Bologna, dort wohnen meine beiden Brüder", sagt sie. Immer mehr Jugendliche ziehen nach ihrem Abschluss vom Süden in den Norden, wo es eine größere Auswahl an Universitäten gibt und mehr Chancen, nach dem Studium einen Arbeitsplatz zu finden. Entschieden hat sie sich noch nicht, aber eines hat sie sich fest vorgenommen: "Ich möchte pharmazeutische Chemie studieren und später Kosmetika herstellen. Das wäre mein Traumberuf."

Stella Vo, LK12 Deutsch 2012/13