Der Lateinunterricht in der heutigen Zeit

"Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!", sagte einst Goethes Faust (Faust 1, 358f.) in der bitteren Erkenntnis, trotz seiner vielseitigen, den Wissensstand seiner Zeit umfassenden Bildung das Wissen von der Wahrheit schlechthin, von dem Vollkommenen, dem höchsten Gut, niemals erreichen zu können. Doch sollte man sich von dieser etwas pessimistisch wirkenden Aussage nicht allzu sehr entmutigen lassen, galt doch der Urheber dieser Zeilen - Goethe - mit Fug und Recht als Universalgelehrter seiner Zeit.
Ist es in unserer schnelllebigen, vom technologischen Fortschritt geprägten Zeit überhaupt noch möglich, universelles Wissen zu erreichen? Jeder Berufstätige, der nur einen geringen Einblick in die vielfältigen Spezialisierungsbereiche seines eigenen Berufes erhalten hat, wird jeden Versuch, ein Universalwissen anzustreben, resignierend aufgeben. Aber wenn das Ideal eines universellen Wissens in weite Ferne gerückt zu sein scheint, so wäre es doch beruhigend, einen Zustand zu erreichen, der uns wenigstens einen Überblick über den heutigen 'Datendschungel' ermöglicht, eine Art 'Navigationssystem', das uns in jeder Lebenssituation sicher und geradlinig zu dem jeweils benötigten Wissen führt. Hier handelt es sich nicht um ein universelles Wissen, sondern vielmehr um eine universelle Bildung, die dem 'Anwender' für ein beliebiges Problem des Alltags oder im Berufsleben eine Palette an Lösungsstrategien bereit hält.
Die Vielseitigkeit des modernen Lateinunterrichtes kann zu der Errichtung eines solchen 'Navigationssystems' entscheidende Beiträge leisten.
Im Gegensatz zu den modernen Fremdsprachen bedient der Lateinunterricht sich weitgehend der Muttersprache. Hauptgegenstand ist die Textarbeit, die je nach Klassenstufe in verschiedene Phasen unterteilt ist. In der Regel erfolgt zuerst eine inhaltliche Erschließung der Texte, bei der die Schüler zunächst auf bekannte Vokabeln und Formen zurückgreifen, um sich durch logisches Kombinieren einen Überblick über den groben Inhalt zu verschaffen. Dabei entwickeln die Schüler eine Methodik, sinnvolle Fragen an fremde Texte zu stellen, die ihnen auch in anderen Bereichen (z. B. bei modernen Fremdsprachen, aber auch in der Mathematik und den Naturwissenschaften) hilfreich sein wird.
Im Anschluss daran wird der lateinische Text ins Deutsche übersetzt, wobei besonderer Wert auf den Ausdruck in der Muttersprache gelegt wird. Diese ständige Übertragungsaufgabe trägt von Beginn an dazu bei, die Beherrschung der Muttersprache zu vervollkommnen, insbesondere im Hinblick auf ihren Wortschatz und ihre Grammatik. Sie erfordert aber auch Geduld zum Beobachten und Konzentrationsfähigkeit zur Analyse. Aber ist nicht gerade unsere Zeit der modernen Technologien eine Zeit des genauen Beobachtens und Analysierens? Muss nicht jeder, der wissenschaftlich arbeitet, sei es am Computer, im Labor oder in Bibliotheken, Teile beobachten, vergleichen und zu einem Ganzen zusammenfügen? Nur wenn man eine E-Mail-Adresse auf den Punkt genau eingibt, erhält man eine Verbindung!
Der oben beschriebene Weg, mit Texten umzugehen, unterstützt somit mentale Fertigkeiten wie logisches, problemlösendes und vernetztes Denken, ohne die man in der heutigen, vom technologischen Fortschritt geprägten Gesellschaft nur schwer zurechtkommt.
In der Grammatikphase des Lateinunterrichtes wird bei der Einführung neuer Grammatikthemen auf das Training dieser Fertigkeiten besondere Rücksicht genommen. Das grammatikalische Phänomen wird nicht mehr auf rein formalem Wege eingeführt, sondern innerhalb eines Kontextes: Zunächst erschließen die Schüler die Funktion der neuen Form aus dem Inhalt eines dafür geeigneten lateinischen Textes. Durch eine Analyse der neuen Formen im Textzusammenhang werden Regelmäßigkeiten oder Übereinstimmungen mit bereits bekannten grammatikalischen Inhalten entdeckt, die in einem nächsten Schritt verbalisiert und dadurch verinnerlicht werden. So stecken in jedem dieser Schritte sowohl Bezugnahmen auf etwas Bekanntes als auch Transfer zu Neuem. Die Schüler entwickeln auf diese Weise Problemlösungsstrategien im Kleinen, die ihnen im späteren Berufsleben und in alltäglichen Situationen behilflich sein können.
Mit Hilfe dieses Verfahrens lernen und begreifen die Schüler nicht nur die einzelnen Phänomene der lateinischen Grammatik, sondern sie erfahren, wie Sprache an sich funktioniert. Diese Erkenntnis ist wiederum hilfreich beim Erlernen von neuen Fremdsprachen sowie von Programmiersprachen, die einfacher strukturiert sind als gesprochene Sprache.
Weil die Schüler beständig Bezüge zwischen Neuem und Bekanntem aufsuchen müssen, lernen sie bald, einen weiteren großen Vorteil der lateinischen Sprache zu schätzen: Sehr viele neue Vokabeln sind "alte Bekannte", weil ihre Muttersprache sie - als Fremdwörter - aus dem Lateinischen entlehnt hat. So geht mit der Wortschatzarbeit im Lateinischen die Erweiterung des Wortschatzes im Deutschen einher.
Nach der Grammatikphase, die in der Regel die ersten zweieinhalb Jahre umfasst, folgt die so genannte Lektürephase. Diese erstreckt sich im Idealfall bis zum Abitur und dem damit verbundenen (großen) Latinum, das noch immer Grundvoraussetzung zahlreicher Studiengänge an den Universitäten ist.
Nachdem unser Lehrbuch Actio (I und II) den Schülern innerhalb der Grammatikphase einen Einblick in die Lebensbedingungen (z. B. Schule und Unterricht, Leben auf dem Land, Besuch in der Großstadt, Religion) sowie in den geistig-kulturellen Bereich der römischen Antike gegeben hat, werden die angesprochenen Themenkreise durch die exemplarische Lektüre lateinischer Autoren erweitert und vertieft. So könnte den Schülern der 9. oder 10. Klasse ein gewisser Gaius Iulius Caesar begegnen, der den meisten aus den allseits bekannten Asterix-Heften vertraut ist. Von Caesars Schlachten gegen die Gallier erfahren sie dabei allerdings weniger, sondern sie lernen in erster Linie, die Darstellungsweise des Gaius Iulius zu hinterfragen. Krieg und Frieden, das Verhältnis der Siegermacht zu den Besiegten, Friedensschluss und Friedensdiktat, Faktenfärbung und Selbstdarstellung eines Politikers: Themen, die leider auch heute noch von Bedeutung sind.
Christenverfolgung, Sklavenhaltung, Hexenprozesse im Mittelalter. Auch diese Themenbereiche berühren nicht nur historische Probleme. Wie steht es bei uns mit Randgruppen, Andersgläubigen, Ausländern, etc.?
Ein gegen Ende der Mittelstufe bzw. Anfang der Oberstufe beliebtes und stets aktuelles Thema sind die Höhen und Tiefen einer Liebe. An den Gedichten des Catull sowie den Lehrgedichten Ovids entbrennen nicht selten vielerlei Diskussionen.
Im weiteren Verlauf der Oberstufe führen Autoren wie Sallust und Cicero, aber auch Dichter wie Vergil und Horaz in staatstheoretische Denkweisen, Philosophie, Rhetorik sowie die Gesetzgebung der Römer ein, auf der nicht zuletzt unser heutiges Rechtssystem basiert; aber auch Komik und Spott - im Unterricht repräsentiert durch Komödien von Plautus oder Terenz und die Epigramme Martials - kommen nicht zu kurz. Gleichzeitig kann die ausgefeilte literarische Form, in der alle genannten Autoren ihre Themen darbieten, die Lust auf den Genuss von Literatur an sich fördern.
Latein ist daher ein Mehrzweckfach, das den Schülerinnen und Schülern sowohl einen Überblick über traditionelle Bildungsinhalte als auch mentale und kognitive Fertigkeiten vermittelt, die in ihrem späteren Berufsleben von großer Bedeutung sind. Latein lernen bedeutet, sich mit der eigenen Geschichte und Gegenwart, aber auch mit der eigenen Person auseinander zu setzen. Latein lernen bedeutet in besonderem Maße, sich mit der Geschichte und der Kultur Europas auseinanderzusetzen. Den Schülern wird eine einerseits neue, andererseits innerhalb der Strukturen der eigenen Gesellschaft weiter wirkende und daher bekannte Welt eröffnet: Die Welt und die Kultur der Römer. Der stete Vergleich dieser Kultur mit der unsrigen, einer europäischen Kultur, die in der antiken ihre Wurzeln findet, sowie der Umgang mit literarischen Werken der Antike fördert das Verständnis für althergebrachte, allgemeingültige Werte, die unserer abendländischen Kultur ihre Prägung gegeben haben. Gerade vor dem Hintergrund der Europäischen Union ist ein Verständnis für die übergreifende Einheit der europäischen Länder, die nicht zuletzt in dem gemeinsamen Erbe der Sprache begründet liegt, von außerordentlicher Bedeutung.