Es bedarf der Grundlage, bereit zu sein, sich selbst in Frage zu stellen

Zeitzeugengespräch mit Bernd Wittich

Bernd Wittich wurde am 20.03.1952 in Bautzen in der DDR geboren. Nach einer technischen Ausbildung und einem Studium im Bereich Politikwissenschaft mit anschließendem Erwerb eines Diploms, arbeitete er zwei Jahre für das Ministerium für Staatssicherheit in den USA. Am 13.12.1987 erhielt Wittich ein Berufs-, Lehr- und Forschungsverbot, da er zuvor den Austritt aus der SED beantragt hatte. Darauf folgte die Zwangsentlassung aus der Forschungsarbeit und schließlich die Aufforderung zum sofortigen Verlassen der DDR. Seit dem 31.12.1988 befindet Wittich sich nun im Bundesgebiet und am 20.12.16 hatte der Geschichtsgrundkurs von Herrn Eymann das große Glück, ein Zeitzeugengespräch mit ihm zu führen.

Zur Einführung erzählte Wittich über seine Arbeit, seine Kindheit und die DDR: Bernd Wittich gibt Seminare zur Geschichte der DDR, bei denen ihm klar wurde, dass ein Zeitzeugengespräch der Grundlage bedarf, bereit zu sein, sich selbst in Frage zu stellen.
In Bautzen, was in der Mitte zwischen Dresden und der polnischen Grenze liegt, waren die deutsche Teilung und die Mauer nicht immer präsent, was wohl an der Entfernung zur Mauer lag. Wittich erinnert sich aber an Taschenkontrollen in der Schule, da zum Beispiel Heftchen aus der BRD verboten waren. Er betont, dass das Wohlfühlen in der DDR stark davon abhing, ob man Verwandte in der BRD hatte, da man sehen konnte, dass es diesen besser ging. Einige DDR-Bürger verschickten ,,Bettelbriefe'' an Leute aus der BRD um Waren, Kleidung etc. zu erbitten. In seiner Kindheit war der 2. Weltkrieg noch präsent und nicht vergessen. Wittichs Vater selbst war verwundet worden und deshalb gehbehindert. Außerdem gab es überall zerstörte Gebäude und Ruinen, und da in der Besatzungszone eine große Wohnungsnot herrschte, lebten Wittich und seine Eltern, bis er sieben war, mit mehreren Familien in einem Haus. Die Bescheidenheit, in der er aufwuchs, prägte stark seine Wertvorstellungen und andere Maßstäbe. Nach einem Schlaganfall wurde sein Vater pflegebedürftig und seine Mutter musste sich um ihn kümmern. Da es kaum Pflegegeld gab, arbeitete sie nachts zusätzlich. Die Welt in Bautzen und die Zerstörung prägten Wittichs Gefühle. Er sagt, dass er nie das Gefühl hatte, die Welt wäre heil und müsse heil bleiben. In der DDR herrschte eine ,,Gesellschaft des Schweigens''. Über den Zweiten Weltkrieg und Hitler wurde nicht gesprochen. Wittich wurde nicht religiös erzogen, allerdings hatten die von Religion geprägten Vorstellungen seiner Mutter ihre Auswirkungen auf ihn, genauso wie auch die politische Propaganda der DDR, die darauf zielte, Identität zu vermitteln und Defizite zu kompensieren. Es galt der Spruch: ,,So wie ihr heute arbeitet, werdet ihr morgen leben'', aber das ist laut Wittich nicht das, was Menschen wollen. Er wirft also die Frage in den Raum, mit Blick auf die Demokratie, wie lange man wohl für eine Gesellschaft einsteht, von der man selbst keinen Nutzen hat. Die Menschen wollen leben, sich eine Welt aufbauen. Durch seinen Beruf hat Wittich die DDR auf verschiedene Weisen kennengelernt: zum einen die kleine Welt um die Provinzstadt Bautzen mit ihrem Schweigen und zum anderen die große Welt während seiner Ausbildung mit Besuch der Sternwarte. Die DDR war geprägt durch Tabus und Zensur, was Wittich auch an persönlichen Beispielen erlebte: Von der Vergewaltigung seiner Tante und der Flucht seines Onkels erfuhr er erst viel später. Wichtig für ihn aber ist, dass wir heute viel mehr wissen, vor allem durch offene Archive und Zeitzeugen. Allerdings gibt es nicht eine einzige Wahrheit, da jeder Mensch seine eigene Wirklichkeit konstruiert und sich selbst eine Identität gibt. Man muss sich also die Frage stellen, was für sich selbst von Bedeutung ist, um die Wahl zu treffen, was man erzählt. In der DDR durften nur die Zeitzeugen erzählen, die sich an das Protokoll hielten. Die sozialdemokratische Geschichte beispielsweise war unerwünscht, während politische Ideologien übermittelt wurden. Die DDR sollte als ,,besseres Deutschland'' dastehen, da die Lehren des antifaschistischen Deutschlands durchgesetzt wurden, im Gegensatz zur BRD. Wittichs größte Kritik an der DDR ist nicht die Mauer aus Stein, sondern die Zensur: Von der BRD wurden die Bürger der DDR als verhinderte Bürger der BRD gesehen und erst in der BRD wurde Wittich klar, dass es mehr gab, als er kannte. Wittich kam auch in Situationen, in denen er nach dem Sinn des Lebens suchte und sich die Frage stellte, welche Kräfte uns dazu bringen, ja zum Leben zu sagen. In der DDR war dieser ,,Sinn'' vorgegeben: ein ideologisch konstruiertes ,,Wir''. Im Gegensatz dazu findet Wittich, dass es um das ,,Wir im Ich'' geht und jeder in sich den Sinn des Lebens findet, indem er für sich selbst und andere einsteht.

Anschließend durfte der Kurs Fragen stellen:

Darauf, wie es dazu kam, dass er für die Stasi gearbeitet hatte, antwortete Wittich, dass er es leid war, sich mit der Partei auseinanderzusetzen, und hinzu kam noch seine Abenteuerlust. Wittich war zwei Jahre bei der Stasi. Da er sich mit der Partei angelegt hatte, bekam er das Angebot, für die Stasi in die USA zu gehen. Für Wittich war die USA ein politischer Feind der DDR und somit wollte er helfen, in das System der USA einzudringen.
Eine weitere Frage war, was Wittich an der DDR vermisse oder ob er überhaupt etwas vermisse. Er antwortete, dass er die Illusion hatte, die damalige Gesellschaft mitgestalten zu können und er wollte etwas verändern. Dieses Lebensgefühl sei abhanden gekommen. Er stellte sich außerdem die Frage, wie er seine eigene Identität wahren könne und für welche Interessen er sich einsetzten sollte. Wittich verstand die BRD immer bloß als Exil. Nach dem Ende der DDR verspürte er weder Wehmut noch Nostalgie.
Als Fazit formulierte Wittich auf die Frage, was denn sein Appell sei, keine klare Antwort oder Aussage. Vielmehr machte er uns darauf aufmerksam, dass wir heute viel mehr Rechte haben, als wir nutzen, und vieles für uns selbstverständlich ist. Allerdings gibt es keine Selbstverständlichkeit mehr, die Gesellschaft muss nicht bleiben, wie sie ist. Sie kann sich immer verändern und verändert werden, auch zum Schlechteren. Deshalb ist es wichtig, Verantwortung zu übernehmen und sich für unsere Welt zu engagieren.

Wir persönlich nehmen aus diesem Gespräch einiges mit und hoffen, dass andere auch die Gelegenheit zu solchen Gesprächen bekommen.
An dieser Stelle auch noch ein großes Dankeschön an Herrn Eymann für die Organisation!

Helena Kroth und Mareike Weyd MSS 13